Der 3. Schritt


Die Weigerung des Helden

 

Wir müssen noch mal einen Schritt zurück gehen.

Fast zwei Monate, um genau zu sein.

Eine Woche vor meinem Geburtstag, also Mitte Juni des Jahres 2011, krachte aus heiterem Himmel ein giftiger Blitz auf mich nieder.

Meine Glieder zuckten, meine Nerven vibrierten und ich rieb meine Augen.

Was war passiert?

Ein Wort: Google.

Google ist passiert.

Ich erhielt eine unauffällige Email vom Google Adwords-Team…

(Adwords, das ist die Google-Plattform, auf der ich täglich Dutzende Euros investierte, um Klickwerbung für alle meine Webseiten zu kaufen)

… in der man mir mitteilte, das aufgrund einer Richtlinienverletzung durch eine meiner Webseiten mein ganzes Konto vollständig und für immer gesperrt sein würde.

WIE BITTE ??!!

Ich hielt das für ein grobes Missverständnis. Ich musste fast lachen, so absurd kam mir das vor.

Doch leider stimmte es. Ich war tatsächlich gesperrt. Seit zwei Tagen konnte ich bereits keine Werbung mehr schalten. Aha, deswegen (!) hatte ich also plötzlich keine Verkäufe mehr!

Was das für mein Geschäft bedeutete, darauf komme ich in einem der späteren Kapitel zu sprechen. Ich möchte nur, dass du weißt: Ich bekam im Vorfeld der Planung meines Goldrauschs vehemente Probleme – von völlig unerwarteter Seite.

So legte sich also bereits in diesem frühen Stadium ein Schatten auf meine Reise, und er würde mich bis weit nach Ende der Reise begleiten…

Die Google-Ohrfeige war tatsächlich die Schattenseite meines sonst so strahlenden Daseins als Web-Unternehmer, so viel kann ich heute in der Rückschau sagen.

Und vom Schatten, der ja ein Archetyp jeder Heldenreise ist, wissen wir, dass er den Helden auf seiner Reise verfolgt, quält, herausfordert… und dass er den Helden beherrschen und … töten will.

Oft sind es sogar mehrere Schatten, die einen heimsuchen! Schatten der Vergangenheit, oder Schatten aus dem Jenseits, oder Schattengestalten der Gegenwart, oder oder oder…

…unsichtbare Schatten inmitten der Seele des Helden (siehe der gequälte Anakin Skywalker alias Darth Vader, oder der talentierte Mr. Ripley), genauso wie Schatten die nur in Träumen auftauchen, so wie Freddy Krüger zum Beispiel…

Nicht weil der Schatten böse ist sucht er den Helden heim (denn der Schatten ist ja auf seiner eigenen Heldenreise unterwegs, und für den Schatten ist der Held der Schatten – alles klar?) sondern weil er einfach der lebendige Gegenpol ist, the „dark side“, die Minus-Polarität, das Yin.

So, das behalten wir schön im Hinterkopf, während wir zurück in die Chronologie der Ereignisse tauchen.

 

3. Schritt – Die Weigerung des Helden

Egal, ob der Held dem Ruf des Abenteuers folgen möchte, oder lieber nicht:

Er zögert zunächst, und bekommt Angst und Zweifel bei der Vorstellung, sich dem Abenteuer zu stellen.

Bevor ich auf die Weigerung eingehe möchte ich mit dir noch einen Blick auf den Stand der damaligen Webseite werfen.

Der Kopf der Webseite war ja nun festgelegt.

Wie würde nun der Rest der Webseite aussehen?

Wie sollte im Grunde eigentlich jede einfache und gute Webseite aussehen? Hier meine klare Antwort – in Videoform:

Wenn du dich mit diesem Einfachheits-Thema („Web Usability“) befassen möchtest, dann schaue dieses Buch an <<

So.

So wie ich es gerade im Video erzählt habe, machte ich es dann auch meinen ersten einfachen Entwurf für meine Goldrausch-Webseite, und zwar mit einem Grafik-Programm: Ich zeichnete die Webseite! 

(Richtig am Computer „bauen“ würde ich sie erst viel viel später) 

Diesen Entwurf schickte ich an meinen Kollegen Felix, und er mailte zurück und fragte „was ich denn damit vorhätte?“

Statt mir eine Antwort aus den Fingern zu saugen habe ich mir selber erst mal in den Arm gekniffen!

Wieso habe ich meinen Entwurf an einen Kollegen geschickt? Das ist doch sonst nicht meine Art! Meine Art ist eher, niemanden in irgend etwas einzuweihen und erst recht niemandem um Feedback für halbgare Ideen oder unfertige Texte anzuflehen.

Feedback für Halbgares ist oft wie ein Stich in einen Kuchen, der noch im Ofen backt: es piekst – und die ganze Luft geht raus – und der Kuchen ist im Eimer.

Gottseidank hat Felix mein Projekt nicht im Geringsten in Frage gestellt.

So schaute ich also auf meinen ersten Webseiten-Entwurf, und dachte: „Damit kann ich leben. Wenn so meine Webseite aussehen wird wenn alles fertig ist, dann werde ich mich nicht schämen.“

Jetzt konnte ich endlich die Koffer packen.

Und die Reise planen und mich organisieren…

Bis ein paar Nächte später das passierte, was nicht passieren durfte.

Ich blies die ganze Sache ab.

Niemals würde ich nach Kalifornien fliegen und so etwas Absurdes machen wie einen „Marketing Goldrausch“ !!!!!!!!!!!!!!

Ich bin doch nicht verrückt!

Es war glasklar, dass es eigentlich nur Argumente gegen diese Reise gibt.

  • Der Trip wird sau-teuer. Kalifornien ist eine der teuersten Reisegegenden der Welt!
  • Und was, wenn das Finanzamt das Projekt nicht als Geschäftsreise anerkennt? Dann bleibe ich privat auf Tausenden von Euro an Kosten sitzen und muss diese mit meinem bereits versteuertem Geld bezahlen!
  • Ich werde außerdem fast 3 Wochen von meiner Frau getrennt sein! Wir sind doch erst 2 Jahre verheiratet, und so lange waren wir seit Ewigkeiten nicht mehr voneinander getrennt! Was, wenn sie sich in meiner Abwesenheit und aus Einsamkeit in einen anderen Mann verliebt?
  • Noch schlimmer: Was wenn ich mich in Kalifornien verliebe, und einfach drüben bleibe?
  • Und falls nicht: ich könnte immerhin erschossen werden auf meiner Reise, es sind immerhin die Vereinigten Staaten von Amerika, wo ich hingehe!
  • Ich könnte mit dem Flugzeug über dem Atlantik oder über Texas abstürzen, oder ich könnte wegen unerlaubten Video-Filmens verhaftet, eingebuchtet oder verklagt werden!
  • Und ich könnte beklaut werden: Mietauto, Kamera, Laptop, alle meine Klamotten… man sieht das doch in so vielen Filmen!
  • Uh, als Deutscher könnte ich glatt verprügelt werden! Glasklar, sonnenklar!! Immerhin haben wir die großen Kriege angefangen!
  • Was eigentlich, wenn aus Versehen alle meine Video-Aufnahmen am Ende alle gelöscht werden, aus Versehen?
  • Und überhaupt: Ich habe so etwas noch nie gemacht! Einen Road-Trip alleine in Kalifornien, eine Video-Doku, ein permanentes sich-selbst-Filmen…
  • Niemand hat das je gemacht!
  • Ich könnte das doch auch in Berlin machen, wenn es so eine tolle Idee ist, oder?
  • Und ja, meine Besucherzahlen brechen gerade ein, weil meine Werbung auf Google verboten wurde…

Ich hatte wirklich plötzlich keine Besucher mehr. Nur knapp 4.000 Newsletter-Leser blieben mir damals, wovon die meisten bereits Kunden von mir waren.

(Diese 4.000 Leser retteten übrigens meinen Allerwertesten, weil ich Ihnen per E-Mail ein paar Sonderangebote schicken durfte, deren Einnahmen mich ein paar Wochen über die Zeit retteten. Ohne Leserstamm wäre ich sofort geliefert gewesen.)

Google ließ nicht mit sich reden. Man konnte sie nur anmailen. Antwortzeit jedes Mal 48 Stunden, und oft wechselte der Ansprechpartner, und immer neue Verstöße gegen alle mögliche Richtlinien wurden mir zur Last gelegt.

Hatte ich einen Verstoß behoben, wurde ein neuer Verstoß „entdeckt“. Ich fühlte mich wie auf einer Abschuss-Liste.

Daran würde auch eine Flucht nach Kalifornien und ein persönlicher Besuch bei Google in Mountain View bestimmt nichts ändern…

Meine Business geriet in eine Abwärtsbewegung. Meine Weigerung, das Goldrausch-Projekt umzusetzen, stieg derweil ins Unermessliche.

Diese Google-Sache nahm mir monatelang ordentlich Schwung weg… von Tag zu Tag mehr.

Weitere Ängste stiegen plötzlich auf:

  • Ich könnte mich ungeschützt vor aller Welt lächerlich machen!
  • Jeder könnte meine Geheimratsecken, meinen Wohlstandsbauch und meine vernarbte Haut erblicken!
  • Ich müsste 3 Wochen lang jeden Tag früh aufstehen! Urrrghhhh.
  • Ich müsste raus aus meinem bequemen Büro, weg von meinem glitzernden Apple-Macintosh-Computer!
  • Ich müsste mitten auf der Straße in die Kamera reden – alleine!
  • Ich müsste echten Wert liefern, stundenlang!
  • Fatal: Ich könnte sogar berühmt werden!

Nicht auszudenken…

  • Ich würde Fans bekommen, die mich gar nicht kennen, und die dann an meiner Tür klingeln!
  • Ich würde so erfolgreich werden, dass ich ein ganzes TEAM aufbauen MUSS, um alles noch managen zu können… und jeden Tag früh aufstehen und mit dem Team täglich REDEN!

Nein nein nein!!!!!

  • Brutale Wahrheit: ich könnte den Goldrausch nicht mehr ungeschehen machen!
  • Und hier der schlimmste anzunehmende Unfall: Man könnte mich kopieren und nachmachen, und die Leute die mich kopieren würden die ganzen Lorbeeren einheimsen, und keiner würde je auch nur ein Wort über mich verlieren…

Verstehst du mich?

In Filmgeschichten wird die Weigerung des Helden gerne dramaturgisch benutzt, um dem Publikum zu signalisieren: Huch, das bevorstehende Abenteuer des Helden ist wirklich riskant.

Vogler schreibt:

„Es ist kein leichtfertiges Unternehmen, sondern ein Spiel mit hohem Einsatz, bei dem es um Glück und das Leben des Helden geht. Diese Pause, in der er die möglichen Konsequenzen abwägt, macht seine Einwilligung zu einer echten Entscheidung; erst nach dieser Bedenkfrist kann er alles auf eine Karte setzen.“

Erinnerst du dich an Rambo? Hat der sich nicht auch geweigert zu Beginn jedes Films?

Was ist mit Rocky? Wie oft hat der schon abgewunken, als jemand mit einer tollen Kampf-Idee auf ihn zukam!

Und Maximus? Hat der seine Abenteuer-Mission als frischer Gladiator etwa umarmt? Nein, er hat sich geweigert zu trainieren und zu kämpfen. Bis er die Chance bekam, wieder nach Rom zu kommen…

Die Weigerung des Helden kann man ihm oft vom Gesicht ablesen. Und auch in seiner Umgebung wird es Unkenrufe geben.

In „Der mit dem Wolf tanzt“ ist zum Beispiel der versoffene Kutscher derjenige, der die Weigerung des Helden ausspricht:

„Hier ist nichts! Lassen Sie uns wieder abhauen!“

Und wer sagte damals: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“ ??!

Jesus. Er wusste, was kommen würde, und er hatte nicht so richtig Lust auf das, was auf ihn einprasseln würde an seinem letzten Tag.

Wie oft hast du in deinem Leben einen Ruf des Abenteuers verweigert? Wie würde dein Leben heute aussehen, wenn du dem Ruf gefolgt wärest?

Und echt mal: Wie würde Dein Leben aussehen, wenn Du einfach mal nicht mehr so oft auf Facebook gehst?

 

Tim

 

PS: Woher weiß man denn, dass man eine gute Idee hat? Woher weiß man das, wenn nach ein paar Tagen die Euphoriephase vorbei ist?

Antwort: Man weiß es einfach.

Wenn die Zweifel verstummen, und man wieder das Träumen beginnt, dann weiß man es einfach.

Und daher flog ich dann auch nach Kalifornien. Mich juckte es.

Mich juckte es gewaltig, mit laufender Kamera vor der Golden Gate Bridge zu stehen und über Online-Marketing und Erfolg im Internet zu quasseln.

Wäre ich geflogen, wenn die Zweifel nicht verstummt wären?

Nein.

Wäre ich geflogen, wenn jemand anders eine ähnliche Idee schon mal umgesetzt hätte?

Nein, ganz bestimmt nicht. 

 

napa

Noch traumhaft verschleiert: Die Zukunft.

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