Der 6. Schritt


Die Anders-Welt


Der biblische Prophet Jona wurde von Gott auf eine Mission in die ferne Stadt Ninive beordert, und Jona willigte ein.

Als Jona aber dann heimlich von seiner Mission abrückte, und in die entgegengesetzte Richtung nach Spanien segelte, nahmen merkwürdige Dinge ihren Lauf.

Es endete damit, dass Jona mitten in einem Sturm von ein paar Matrosen von einem Schiff ins Meer geworfen wurde.

Dort ertrank Jona aber nicht, sondern wurde von einem Walfisch bei lebendigem Leibe verschluckt.

Drei Nächte und drei Tage blieb Jona im Bauch dieses riesigen Tieres, bevor er schließlich wieder an Land gespuckt wurde.

Jona kratze sich am Kopf, verstand, und setzte seine ursprüngliche Mission fort.

Frage: Was genau hat Jona denn verstanden?

Der 6. Schritt

Die Anders-Welt: Verbündete, Freunde, Hindernisse… und der Wal

Der Held ist nun auf sich allein gestellt. Er macht sich mit den merkwürdigen Regeln der neuen Welt vertraut.

Er findet Verbündete und … Halunken.  

Seine Entschlossenheit wird immer wieder geprüft.

 

Baby, an dieser Phase der Heldenreise scheiden sich die Geister.

Hollywood-Insider Christopher Vogler legte sich zum Beispiel in seinem Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ darauf fest, dass in dieser Phase der Heldenreise die ersten Verbündeten und Feinde des Helden auf den Plan treten.

Der große Meister Joseph Campbell hingegen, der die Heldenreise als erstes „entdeckt“ hat, umschrieb diese Etappe als „Im Bauch des Walfisches.“

Während Vogler von der anderen Welt spricht, die der Held zu erkunden beginnt, liefert Campbell die Walfisch-Metapher, die das Ganze so aussehen lässt, als wäre der Held sogar komplett aus der Welt verschwunden…

Beide haben recht. Beides stimmt. Es kommt ganz drauf an, wie man die Sache betrachtet, oder?

Die Walfisch-Metapher ist im Übrigen sehr interessant:

3 Nächte und 3 Tage?

Überraschendes Wiederauftauchen eines Menschen nach offensichtlichem Tod?

Schon mal von Jesus Christus gehört?

(Wer beim Jona-Mythos tiefer graben will, dem sei auch noch das Studium diverser Sonnenkulte ans Herz gelegt: Die sterbende Wintersonne, die 3 Tage lang am Tiefpunkt tot ist und dann die Richtung ändert und wieder „aufersteht“ ist ein wichtiger Hinweis auf die 3-Tage-Regel…)

Jona selber war auch ein Held, und seine Mission war eine Heldenreise:

Er lebte in seiner gewöhnlichen Welt, vernahm von Gott höchstpersönlich den Ruf des Abenteuers, widersetze sich dem Ruf indem er sich per Schiff ans andere Ende der Welt flüchten wollte, und nachdem das Schiff ablegte und diverse Schwellen überwunden waren — kam der Sturm…

Und der Wal kam mit ihm.

Als ich meine Goldrausch-Reise untersuchte, und herausfand, dass sie auch eine Heldenreise war, bereitete mir dieses 6. Kapitel den größten Schock–

–weil dieser „Bauch des Walfisches“ so unglaublich auf mich passte.

Was war passiert?

Ich versuche mich kurz zu fassen. Denn an dieser Stelle könnte ich wirklich stundenlang von meinen ersten Eindrücken von Kalifornien erzählen, und ich würde kein Ende finden. Denn die Eindrücke sind (bis heute) frisch, zweideutig, und jederzeit abrufbar.

Für mich gibt es kaum ein großartigeres Gefühl als an einem anderen Ort zu sein.

Ein Ort mit einer anderen Geschichte, mit einer anderen Ausstrahlung, ein Ort wo bereits die Steine anders sind, die Farben, der Horizont, der Geruch, die unsichtbaren Schwingungen, oder auch das Grundgefühl an sich.

Ich finde es jedes mal berauschend, meine Existenz an völlig anderen Orten zu spüren. Sie fühlt sich anders an… Ich liebe das, wenn sich meine Existenz anders anfühlt als normalerweise!

3 Nächte und 3 Tage war ich zu Gast bei der Familie meines Freundes Ben, und zwar in Sebastopol.

Nachdem ich die neblige Golden Gate Bridge überquert hatte, fuhr ich auf dem Highway 80 km gen Norden, parallel zur Pazifikküste, wo sich ein geiler Sonnenuntergang ereignete, und erreichte die Region „Sonoma County“, das Weingebiet zwischen der Stadt Santa Rosa und der Pazifikküste.

 

sonoma

 

Dort bog ich irgendwo ab Richtung Ozean, dann nochmal, dann nochmal nochmal nochmal, und inzwischen war es düster geworden, und ich hatte kein GPS, keine detaillierte Karte, zwar eine Telefonnummer – aber kein Handy, und kein Internet.

Nur einen Ausdruck von Google Maps, wo die „Straße“ und das Haus von Bens Family drauf war, aber nicht der Weg dahin.

Ich hatte keine Ahnung mehr wo ich war. Ich fuhr eine Stunde im Kreis, das Benzin ging zur Neige, und Nebelschwaden umwaberten mich.

Alle 2 Meilen mal ein Haus, alle 5 Meilen ein Schild.

Irgendwann stand ein Reh vor mir und starrte in den Scheinwerfer, und es lief gleich wieder weg.

Ihm liefen fünf weitere Rehe hinterher…

Und dann fand ich das Haus. Die Freude war groß.

Das wiederum finde ich immer befremdlich: Leute die ich gut kenne in völlig anderen Umgebungen wiederzutreffen. Ich muss mich immer daran erinnern, dass ich sie wirklich kenne!

Bens Vater war Tscheche, seine Mutter Italienerin, Bens Frau Libby stammte halb von Deutschen ab, und das Haus war typisch amerikanisch: überdimensioniert, viel Holz, und mit großer Küche – nichts Besonderes.

(Die Wahrheit ist: Das Haus war extrem exotisch für jemanden wie mich, der gerade aus Europa kam.)

Natürlich gab es zur Begrüßung Fertig-Pizza, und weil Sebastopol in einer Weingegend liegt, gab es Weißwein dazu. Ich trank außerdem noch Bier.

Weil eine Hochzeits-Nachfeier anstand, waren Lobbys Eltern auch da.

Es war ein herzlicher Abend, ich war froh, in einem so familiären „Nest“ angekommen zu sein.

Ich bekam Bens Kinderzimmer, einen Internetzugang für mein Laptop, und ein Bügeleisen neben das Bett gestellt.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf, sah ich aus dem Fenster, und erblickte: wieder nur Nebel.

Ich konnte es kaum erwarten, aufzustehen und nach San Francisco zu fahren.

Also vertrieb ich mir die Zeit mit dem Überprüfen meiner Webseiten, mit den Besucherstatistiken.

Ich hatte kaum etwas verkauft.

Google hatte immer noch mein Adwords-Konto gesperrt, und meine Besucherquellen trockneten immer weiter aus.

Ich verlor Geld.

Und zwar deshalb, weil ich JETZT in Kalifornien war. Wäre ich nicht verreist, hätte ich keine Ausgaben, und ich würde mich über Wasser halten können.

Aber so, ohne Besucher, verlor ich Geld. Zwar würde es eine Weile dauern, bis ich pleite wäre. Doch es gab auch keinen Grund anzunehmen, dass Google seine Meinung morgen ändert…

Das war kein schönes Gefühl. Der Goldrausch fing mit dem Gedanken an einen Bankrott an…

„Egal, jetzt bin ich hier!“

Außerdem überraschte mich meine Bank mit der Meldung, dass meine Aktien der Firma „Molycorp Minerals“ (Bergbau-Aktien, also im weitesten Sinne auch ein „Goldrausch“-Projekt) im Wert von 1.500 Euro, die ich aus einer blinden Laune heraus vor 4 Wochen gekauft hatte, um 30% an einem Tag eingebrochen sind.

Das darf doch nicht wahr sein!

molycorp

Kurs der Molycorp-Aktie. Der gelbe Strich zeigt mein Kaufdatum. Ein paar Tage nach Kauf ging es rapide bergab. Und dann immer weiter – bis heute. Natürlich halte ich die Aktien… und warte auf ein Wunder.

 

Es waren doch prima Rohstoff-Aktien, wie kann das sein?

Wie gesagt, ich verlor Geld…

„Wurscht… jetzt konzentriere ich mich auf was anderes“

Und dann, als ich meinen Koffer ausräumte, fiel mir auf, dass ich meine Notizen vergessen hatte.

Das war ebenfalls kein erhebendes Gefühl. Ich würde mein Goldrausch ohne Drehbuch machen müssen…

„Egalomat, ich zieh’s trotzdem durch!!!“

Und so düste ich nach dem Frühstück mit meinem großen Familien-Ford direkt in den Stau nach San Francisco hinein, ganz alleine.

(Ich würde übrigens so ziemlich alles alleine machen auf meiner Reise.)

Kurz vor der Golden Gate Bridge (also der letzten Ausfahrt vor der großen Stadt) bog ich ab nach Sausalito – der Lonely Planet Reiseführer empfahl diesen Ort, weil man einen tollen Ausblick auf die Bucht habe.

(Den Reiseführer habe ich erst im Flugzeug angefangen zu lesen, und würde ihn während meiner Reise auch nur in Ausschnitten und lediglich für meine nächsten Ziele zu Rate ziehen.)

Dort in Sausalito machte ich mein erstes Foto von Kalifornien. Und zwar von einem Typen, der ein Foto von Kalifornien macht…

Ich bin nämlich von der originellen Truppe…

 

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Blick von Sausalito auf die Bay und die vernebelte Skyline von San Francisco. Die Brücke ist die Bay Bridge und NICHT die Golden Gate Bridge. Diese ist ganz woanders.

 

(Insgesamt habe ich während des Goldrausch-Trips nur 23 Fotos oder so gemacht, und deswegen gibt es hier auch so wenige zu bewundern.)

Dann fuhr ich über die (weiterhin kaltgrau vernebelte) Brücke in die Stadt hinein – und das war’s dann.

Ja, du hast richtig gelesen: Das war’s dann!

Plötzlich war ich gelähmt.

Gelähmt: paralysiert, blockiert, stumm.

Ich erzähle dir gleich mehr davon, doch erst berichte ich von den anderen Dingen:

Sebastopol, wo ich 3 Nächte und 3 Tage quasi im Bauch des Walfisches „gefangen“ war, liegt in einer Gegend, die man sich ungefähr so vorstellen muss:

Man fährt auf dem Highway, und wenn aus dem Autofenster schaut, glaubt man sich in der Toscana. Anstatt der Steinhäuser jedoch sieht man Shopping Malls und Parkplätze.

Aber wenn man nur die Landschaft anguckt, dann denkt man: „Ah, das Mittelmeer ist nicht weit.“

Dann fährt man runter von der Autobahn Richtung Küste und als erstes durchquert man kilometerweise Obstbaum-Plantage, wo es im August von reifen Früchten nur so wimmelt.

Danach stößt man auf die Weinstöcke. Meilenweit geht es an französisch anmutende Weinanbauflächen vorbei. Ab und an fährt ein riesiger Truck vorbei und dir fällt wieder ein, dass du in den USA bist.

Wenn du weiter Richtung Küste vordringst und das Weingebiet verlässt, dann kommst du direkt in den kalifornischen Urwald, genannt „the Redwoods“, die roten Bäume, oder die roten Wälder.

Die roten Bäume sind turmhohe Mammutbäume mit einer rötlichbraunen Rinde. Dich durch sie mit dem Auto hindurch zu schlängeln haut dich um.

Wenn du auf die Idee kommst, mal eben in eine Seitenstraße in den Roten Wald hineinzufahren, dann kann es dir passieren, dass du plötzlich an einer Baumkirche vorbeikommst.

Du wendest das Auto, hältst an und steigst aus. Du erwartest, dass jetzt ein Trapper mit einer geschulterten Flinte auf dich zukommt und um Feuer für seinen Tabak bittet.

Doch der kommt nicht, obwohl es hier neben diesem Holzbungalow wirklich wirklich aussieht wie 1870.

Die Kirche ist eine Gruppe riesenhafter Bäume, die zufällig eine Halle ergeben, einen Baumdom, und an eine Seite hat man riesige behauene Steine als Altar gruppiert. Ein Kreuz ist daran befestigt.

Die Bänke sind aus Holz, der Boden aus Kies, es ist alles wie es sein soll. Es ist ein botanisches Wunder.

 

cazadero-kirche

Offene Holzbank-Kirche zwischen hohen Mammut-Bäumen und Efeu in Cazadero (Sonoma County), ausgelegt mit Baumrindenmulch, der Altar ist aus Hinkelsteinen und Moos gebaut.

 

Nie fühlte ich mich religiös so überrascht wie in dieser freien, unter freiem Himmel arrangierten Kirche.

Du steigst konsterniert in dein Auto, fährst weiter Richtung Küste, und dann stößt du auf den Russian River (den „Russischen Fluss“ weil hier früher Russen siedelten, Sebastopol ist immerhin auch eine Stadt auf der Krim, aber das wusstest du ja schon).

Du folgst dem Fluss, siehst Kajak-Leute im Wasser, Mountainbiker am Flussbett, und kurz bevor der Fluss in den Ozean mündet, macht er eine letzte Riesenkurve und wenn du ihr folgst, öffnet sich vor dir eine neue Szenerie, und du musst den Atem anhalten, und du kämpfst mit den Tränen weil es wunderschön ist, und so unerwartet.

Mehr als 100 schneeweiße Pelikane mit orangegelbem Schnabel segeln seelenruhig auf dem Wasser, als wären sie die Weiße Flotte im Schwarzen Meer.

Ich hatte noch nie Pelikane in freier Wildbahn gesehen, ich hatte noch nie Mammutbäume gesehen, und auch keine Kolibris, die in Dutzenden an Bens Haus nisten und dort herumschwirren dass es nur eine Freude ist.

Und hier war ich also, in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Klassenfeind, dem Weltenbeherrscher, der so randvoll war mit Wundern und Menschen die meistens lächeln und freundlich grüßen und immer nachfragen wie es dir geht.

Der Ozean.

Ich sah ihn nicht, ich hörte ihn nur, die Geräuschkulisse war brachial. Ben hatte mich gewarnt: die Hälfte der Zeit ist er im Nebel versteckt.

Stimmte auffallend.

Es war kühl, traurig, windig, dicker Nebel. Menschen in Regenjacken, im August.

Ich konnte die Brandung immerhin sehen. Es war eine Menge Holz angeschwemmt worden. Der ganze Strand war davon bedeckt. Ein paar Menschen und Möwen kletterten im Holz herum.

 

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Wildes Kalifornien: So würde die Szenerie ausgesehen haben, wenn kein Dunst und Nebel da gewesen wäre. Links der Russische Fluss, rechts der gefährliche Pazifik. Sie fließen zusammen. Unten links Treibgut.

 

Später las ich, dass es nicht nur Holz war.

Es waren auch Walknochen.

Walknochen!!

Soviel zu Campbells Überschrift: „Im Bauch des Walfisches.“

 

(—- Durchatmen—–)

 

Nun zu Voglers Überschrift: „In der Anders-Welt. Verbündete, Feinde, Hindernisse.“

Sie passt genauso hervorragend zu meiner Lähmung.

Und von der berichte ich jetzt.

Kaum war ich in San Francisco angekommen, und kaum hatte ich die legendäre Hippie-Ecke „Haight/Ashbury“ erreicht, ging es los.

Ich suchte mir einen Parkplatz, fand einen, und dann war die Frage, was ich mitnehme, und was ich im Auto lasse.

Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet.

Wenn ich die Kamera im Auto lasse, und sie dann geklaut wird, was dann? Dann ist meine Reise sofort zu Ende!

Und wenn ich sie mit rausnehme, und die Leute sehen, dass ich sie filme, dann kriege ich von denen aber mal so richtig den Hintern versohlt.

Meine Damen und Herren, diese Zwickmühle zwickte gar fürchterlich.

Die Lösung bestand darin, dass ich die Kamera mitnahm, aber in meiner Tasche ließ, und nichts filmte.

Das war genau das, was ich nicht machen durfte!

Denn je öfter ich dies in der Folge wieder machte, umso mehr gewöhnte ich mich daran, nicht zu filmen…

Im erstbesten kleinen Supermarkt (ich wollte Mate kaufen um AUFZUWACHEN) fiel ich fast in Ohnmacht, weil das Angebot so vielfältig und auch so farbenfroh war.

Es gab ALLES. Alle Sorten Menschen, alle Sorten Obst und Gemüse, alle Küchen der Welt auf einmal.

Und die Verkäuferinnen waren HAPPY.

Und ich war ein GERMAN mit ernstem Gesicht, den man an der Kasse lieber nicht fragt „How are you today, Sir?“ weil ich als guter Deutscher dann anfange darüber nachzudenken – anstatt zu sagen: „Great!!! How are you?“

Als ich wieder im Auto saß, zog ich die Kamera raus und filmte meine zweite Aufnahme.

Guck genau hin: dieses Beim-Fahren-aus-dem-Auto-filmen war das Mutloseste, Feigste, Ängstlichste und Eierloseste was man sich überhaupt vorstellen kann.

Aufregend, oder? Und so lehrreich! Und so viel Action und so…

Ich würde die ersten 5 Stunden meines Speichers mit genau diesem Quatsch vollfilmen… 

 

Damit du eine Vorstellung davon bekommst, wie es ist, die ganze Zeit nur aus dem fahrenden Auto zu filmen, habe ich mal ein ganz besonderes Video gemacht. Es dauert nur 6 Minuten aber es wird dir viel länger vorkommen.

Ich nenne es: „Auto-Radio… Der Soundtrack der Reise.“

Mein Autoradio wurde nämlich zu meinem treuesten Begleiter, zu meinem engsten Freund. Das Video zeigt mir heute, wie einsam ich war, und wie viel ich sprachlos herumgefahren bin.

Das Herumfahren selber ist eine der Hauptbeschäftigungen in den USA (wenn man nicht gerade in Manhattan wohnt). Umso wichtiger ist, dass man im Auto isst, telefoniert und Musik hört.

Sehr amerikanisch! Auch die Musik, die man im Autoradio hört. Es gibt eigene Sender nur für bestimmte Bands.

(So kam es dass ich öfter mal das „Pearl Jam Radio“ laufen hatte. Und wirklich sehr oft den „Grateful Dead Channel“, die kalifornischste aller Bands…).

Ich hatte das Glück, ein Radio mit 30 Sendern gebucht zu haben, so dass ich immer den richtigen Soundtrack für die Bilder wählen konnte, die an mir vorbei glitten – und die nicht immer nur schön waren. Es gibt auch viel Industrie dort, und viel Asphalt und viel leerer Raum. 

Immerhin fand ich nach zwei Tagen heraus, dass ich meine Kamera an meinem biegsamen Stativ am Rückspiegel oder am Beifahrer-Türgriff festmachen konnte.

So konnte ich etwas wackelfreier stundenlang aus dem Auto filmen…

Immerhin.

Ich sage mal so: Zu einem Roadmovie gehört einfach ein Soundtrack. Hier ist er:


 

Dieses mutlose Rumgefilme hat mich irgendwann fertig gemacht.

Wer will so etwas ansehen?

Ich nicht!

Je länger ich dies tat, umso mehr fiel mir auf, dass ich es nicht schaffte, die Kamera auf mich zu richten.

Was mich wunderte, denn ich hatte für meine Webseiten schon etliche Videos gemacht, wo ich in die Kamera hineinredete.

Was war los mit mir?

Ich will nicht vorgreifen, doch Fakt ist, dass ich hier in der Neuen Welt an eine neue, innere Grenze gestoßen war.

Da war ich nun: schon 3 Tage im Bauch des Wals, und je länger ich herumfuhr und mir die Bay Area anschaute, und die Menschen, desto blockierter wurde ich.

Als mir Bens Mutter am dritten Tag anbot, doch einfach für den Rest der Reise dort zu bleiben, hätte ich fast ja gesagt…

Meine Komfortzone in diesem riesigen Hause in der Pampa von Sebastopol war ja gar nicht mal so schlecht!

Ich hatte mich eingerichtet: auf dem großen Kopfkissen im Bett liegen, mich am Kühlschrank bedienen, auf der Landkarte auf faszinierende, wohlklingende Namen starren … Sacramento, Death Valley, Bakersfield…

Kolibris filmen…

 

Ich musste mich wirklich dazu zwingen, an meine Mission zu denken!

Also bügelte ich immerhin meine 15 Hemden glatt und hing sie schon mal ins Auto, nur für den Fall.

Ich lud meinen Kamera-Akku noch mal neu, und fuhr NOCHMALS los — um zu filmen.

Und immer wenn ich etwas Schönes sah, fuhr ich dran vorbei, drehte mich kurz danach um, und…. fuhr weiter.

Ich stieg nicht aus und stellte mich vor die Kamera und fing an zu reden.

Nein.

Genau das tat ich nicht.

So kam es, dass ich in den ersten Tagen ein Film-Motiv nach dem anderen verschwendete… und nicht für meinen Goldrausch benutzte.

Ich wusste einfach nicht, was ich hier wollte!

Von wegen ich würde mein Drehbuch spontan vor Ort schreiben!!

Nichts dergleichen! Ich hatte an einem Tag 3 Stunden damit verbracht, ein leeres Schreibheft zu besorgen (und es war auch am 16. Tage der Reise Immer noch leer)…

Ich lag stattdessen im Bett, schaute die TV-Serie „Breaking Bad“, hörte den Vögeln draußen zu, ließ mir von Bens Vater seine drei Oldtimer vorführen, und so weiter.

 

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Hobby kalifornischer Famillienväter: Oldtimer sammeln.

 

Doch zurück zur Heldenreise.

Nun ist es ja wirklich so, dass auch in der neuen Welt Menschen unterwegs sind. Und auch diese sind alle verschieden.

Einige davon stellen sich als Verbündete heraus, andere als Feinde. Davon gibt es immer jede Menge.

Nehmen wir mal den Helden Luke Skywalker im Film Star Wars. Nachdem er die Schwelle überschritten hatte, fand er sich zunächst in eine schrägen intergalaktischen Bar wieder, mit vielen putzigen oder auch unangenehmen Aliens.

Diese Bar repräsentiert die Anders-Welt perfekt… eben weil sie so anders ist als der Wüstenplanet Tatooine, Lukes Heimat. Wen lernt Luke kennen? Antwort: seinen Alliierten Han Solo (er mietet ihn).

Auch kommen hier in der Bar die Feinde „Kopfgeldjäger“ und „Jabba Hut“ ins Spiel.

Der Verbündete des Gladiators Maximus ist ein dunkelhäutiger Mitgefangener, der sich wie er selbst plötzlich in der Anders-Welt der Gladiatorenschule wieder findet.

Wenn Du ab jetzt in jedem Film drauf achtest, was passiert nachdem der Held die Anders-Welt betreten hat, dann wird dir auffallen, das an jenem Punkt des Filmes neue Figuren eingeführt werden.

Und auch, dass die ersten Bewährungsproben und Entscheidungen für den Helden anstehen.

Meine Verbündeten wäre natürlich Ben und seine Familie in Sebastopol, sowie dann später auch seine Freunde in Los Angeles. Mehr Verbündete würde ich nicht haben.

Wie sieht es mit Feinden aus? Abgesehen von den Schwellenhütern, die mir dann und wann begegneten, hatte ich Glück, und hatte es nicht mit sichtbaren Feinden zu tun.

Dennoch: In der Theorie der Heldenreise treten jetzt auch die anderen Archetypen in das Geschehen: neben den Freunden und Feinden sind das also die Gestaltwandler, sowie die Trickser, Gauner und Unruhestifter, und natürlich der Schatten.

Diese Archetypen kommen meist erst hinter der Schwelle zum Zuge während der Bote, der Ratgeber und der Schwellenhüter vor der Schwelle zum Zuge kamen.

Aber das ist keine Regel. Es können noch weitere Schwellenhüter kommen, oder ein Bote kann plötzlich neu auftauchen, ebenso kann sich der Ratgeber auch jetzt oder später wieder bemerkbar machen.

Manche Figuren gehen mit der Zeit ineinander über, oder erfüllen sogar zwei Funktionen auf einmal: ein Gestaltwandler kann auch Ratgeber/Mentor sein (so wie in Star Wars zum Beispiel der Kanzler der Galaxie, der oft Ratschläge erteilt, aber eigentlich ein böser Sith Lord ist).

Und ein Schatten kann auch ein Trickser sein (wie der Joker in Batman: jemand der der Unruhe stiftet, zu Scherzen auferlegt ist, aber auch die verdrängten Lüste des Helden Batman repräsentiert).

Hier, ein Trickser in Aktion: Videobeweis

Dem einen oder anderen Archetypen werden wir im weiteren Verlauf begegnen. Wobei natürlich der Schatten die wichtigste Figur sein wird.

Denn er manifestiert die Schattenseite des Helden, all die verdrängten und abgelehnten und dunklen Aspekte seiner Persönlichkeit…

Der Schatten ist irgendwie auch ein Feind. Er ist unangenehm. Er ist der Gegenspieler.

Je besser der Gegenspieler, desto schwieriger wird’s für den Helden.

Und desto besser die Geschichte.

„Wo steckt der Schatten? Wer ist er? Wann zeigt er sich? Was sind die verdrängten Teile deiner Persönlichkeit, Tim?“

Hab Geduld, habe Geduld!

Ich musste sie auch haben…

Tim

 

PS: 

Mit Jona ging es natürlich weiter. Seine Heldenreise war noch lange nicht zu Ende…

Kaum war er vom Wal wieder an Land geworfen, erinnert ihn Gott an seine Mission.

Jona wischte sich den Walschleim ab, und – wie oben bereits angedeutet – hatte jetzt verstanden.

Er hatte kapiert, wie mächtig Gott war: dass er nämlich das Wetter regiert, und auch Walfische. Und Jona von den Toten retten kann.

Gottes Übermacht war überdeutlich. Es hatte keinen Sinn sich Gott zu widersetzen. Also ergab sich Jona einem Schicksal und tat verdammt noch mal endlich, wofür er auserwählt wurde:

Er wurde ein biblischer Held.

 

PPS:

So, noch etwas „Marketing-Psychologie“ zum Dessert.

Die gewöhnliche Welt des Helden ist auch immer die Welt des Tages.

Die andere Welt ist dann das Gegenteil, also die Welt der Nacht, die Welt der tiefen Abgründe, der dunklen feuchten Höhlen, der inneren Gefilde der Seele.

Man könnte auch sagen, die gewöhnliche Seite ist die männliche Welt, und die andere Welt wird von der weiblichen Seite Gottes dominiert…

… so wie auch die Nachtseite des Gehirns (die rechte Gehirnhälfte) die weibliche Seite ist, die in der westlichen Zivilisation leider viel zu selten benutzt wird, weil sie beunruhigend ist, weil sie unlogisch ist, und weil sie weich ist.

Dort auf der Nachtseite herrscht ein anderes Licht, andere Wesen, und andere Gesetze. Sogar völlig andere Tiere und Pflanzen hausen dort: im Fall von Kalifornien sind das Kolibris, Mammutbäume, Pelikane, Kakteen.

Sich auf diese andere Welt einzulassen ist nicht leicht. Jeder Tourist kann ein Lied davon singen. Wenn ihm die andere Welt (der „Urlaubsort“) gegen den Strich geht, kann der Urlaub ein große Qual werden und zu nichts führen.

Doch ich war nicht im Urlaub, sondern auf einer Mission. Das heißt aber nicht, dass mein Trip nicht trotzdem zur Qual werden konnte.

Das wurde er nämlich.

So, und wann immer das Wort Qual ist Spiel kommt, meine lieben Marketing-Studenten, sollte ab sofort auch immer reflexhaft der Gedanke „ACHTUNG, HIER IST EIN MARKT“ ins Spiel kommen.

Ein Markt ist eine Ansammlung von Leuten mit Problemen. Wenn du diese Probleme lösen kannst, dann gehört der Markt dir und du verdienst Geld (zu Recht übrigens, denn Leute mit Problemen freuen sich über Hilfe).

Haben die Leute kein Problem, gibt es kein Markt. Dann verdienst Du nix. Egal wie toll du Werbung machst, egal wie billig du anbietest, egal was für ein dufter Typ du bist.

Noch mal: Wenn du auf eine Qual gestoßen bist, dann kannst du die Lösung dafür verkaufen. Entweder du entwickelst selber ein Produkt oder du vermittelst eins – beides ist einträglich, beides hat Vorteile und Nachteile.

Die Regel lautet: Wenn du jemals einen Markt für dich entdecken willst, den du bedienen kannst, dann suche nicht bei Leuten, die gerade in der gewöhnlichen Welt unterwegs sind.

Sondern suche bei Leuten, die sich gerade auf ihrer eigenen (kleinen oder großen, kurzen oder langen, aussichtsreichen oder hoffnungslosen) Heldenreise befinden! Sie brauchen Rat und Unterstützung!

Attackiere diese Helden mit deiner Botschaft, wenn sie dafür empfänglich sind. Wenn Sie bereits den Ruf des Abenteuers vernommen haben und sich auf die Reise begeben haben…

Es hat keinen Sinn, zufriedenen und an ihrer Bequemlichkeitszone klebenden Menschen etwas verkaufen zu wollen.

Das sind keine Käufer, sondern Leute die genervt auf dein Angebot reagieren, so als wärst du ein lauter schriller abgefuckter Werbespot mitten im schönsten Film, zuhause im Sessel vor der heimeligen Glotze.

Die Helden hingegen, die ihre sichere Zone verlassen haben, die sind offen für gute Angebote. Sie suchen solche Angebote sogar.

Sie benötigen Hilfe, sie benötigen Ratgeber. Oft benötigen sie auch Unterstützung beim Überqueren der Schwelle, also beim Überlisten der Schwellenhüter.

Weiterhin suchen die Helden Unterstützung in der anderen Welt (beim sechsten Schritt genauso wie bei den kommenden Schritten, bis hin zur „Wiedergeburt“ des Helden).

Wenn du Produkte hast, für bestimmte Helden, die ein bestimmtes Problem haben, und zwar an einem bestimmten Punkt ihrer Reise, dann solltest du den Helden auch dort auflauern.

Und zu einem Ratgeber des Helden werden – kostenlos oder gegen Geld (oder beides).

Ist ein Held jedoch fast schon fertig mit der Reise und quasi wieder zu Hause, ist die Gelegenheit zum Verkauf vorbei.

Fazit: Du kannst nur auf der Nachtseite verkaufen. Du kannst nur an die rechte Gehirnhälfte verkaufen. Mit Geschichten, Gefühlen und Geschick.

Also musst du Leute erwischen, die gerade auf der Nachtseite sind.

Und es sind immer welche dort unterwegs.

Milliarden von ihnen.

Denn das Leben ist eine Aneinanderreihung und gegenseitige Durchkreuzung von Heldenreisen, die gleichzeitig stattfinden.

Oder etwa nicht?

 

PPPS: Jetzt noch ein kleines 10-Minuten-Video für dich – falls du Schreibblockaden hast, und den Roman unbedingt beenden willst.

Weiter zu SCHRITT 7: Der Held dringt vor bis zum Kern