Der 7. Schritt


Der Held dringt vor bis zum Kern


Dieses wird ein längeres Kapitel, Baby.

Fangen wir an mit den guten Dingen:

Gut war zu diesem Zeitpunkt zum Beispiel mein Video-Filmequipment, das ich mit nach Kalifornien gebracht hatte.

 Zu allererst natürlich: 

Meine CANON Videokamera mit leckerer HD Optik und externem Mikrofon-Eingang!

canon

Wenn es überhaupt einen einzigen Trick gibt, wie man einen Film vom Amateur-Level auf Profi-Level hieven kann, dann ist es: der Ton.

Das war der wichtigste Grund, warum ich mir vor Jahren diese Kamera gekauft hatte: Meine CANON hat einen externen Toneingang.

Das Bild kann noch so wackeln oder noch so lahm – so lange der Ton klar und deutlich ist, ist man geneigt, weiterzugucken.

Sobald der Ton aber schlecht ist, wird das Zusehen anstrengend und unbefriedigend, und man pfeift irgendwann drauf und schaltet ab.

So, jetzt kommt der entscheidende Hinweis: Die meisten Camcorder und Videokameras haben nur ein internes Mikrofon. Und sind deshalb SCHROTT.

Auch wenn ein Mikro bei einer Kamera ganz toll wichtig und groß sichtbar an der Kamera klemmt, so kann es doch immer nur das am besten aufnehmen, was direkt vor der Kamera passiert. 

Sobald aber der Abstand zwischen Kamera und dem sprechenden Filmobjekt „Tim“ zunimmt, wird die Tonqualität schlechter. Man hört den Abstand. Und man hört viele andere Hintergrundgeräusche, die man nicht hören soll.

Die Lösung besteht aus einem „externen“ Ansteckmikrofon. Und dafür MUSS an der Kamera einer Anschluss vorhanden sein. 

In 19 von 20 Fällen ist dies nicht der Fall.

In 19 von 20 Fällen werden die ach so tollen HD-Camcorder leider nur Amateurvideos produzieren, und nichts auf der Welt kann sie retten… 

Man muss also genau hinsehen beim Kamerakauf. 

ansteck

Das Mikro klemmt man sich ans Dekolleté und es nimmt quasi nur noch die eigene Stimme auf, aber die Stimme klingt nah (egal wie weit die Kamera entfernt ist!)

Dieses smarte Ansteckmikro sollte am besten einen eigenen Strombetrieb (Batterie) haben, damit es den Ton vorverstärkt bevor es ihn an die Kamera weitergibt.

Mein BETA-Tester Kay Steeger fügte hinzu: „Fast alle Lavaliermikrofone sind Kondensatormikrofone, welche mit einer sogenannten Phantomspeisung oder Speisespannung über das Mikrofonkabel versorgt werden müssen. Ohne diese Versorgungsspannung findet keine Wandlung des Schallsignals statt. Zusätzlich wird das Signal verstärkt, was jedoch nur die sekundäre Aufgabe der Elektronik ist.“

Freunde, das ist so wichtig, dass man es in der Schule unterrichten sollte. 

Mein Mikro hat 3 Meter Kabel, so dass ich bis zu 3 Meter von der Kamera stehen kann und so klinge, als stünde ich nur 20 cm von ihr weg.

Mir wird immer ganz schlecht, wenn ich Youtube Videos sehe, wo Leute was erzählen und kein Mikro benutzen. 

Meine Goldrausch Video hingegen wackeln und zittern, doch sie kommen professionell improvisiert rüber.

Warum?

Sound!

(Und natürlich der „Schnitt“, aber dazu später mehr).

 

Jetzt zur Krake:

krake

 

Dafür holte ich mir extra meine kleine dreibeinige „Krake“, die Rezensionen bei Amazon waren überwältigend, und es machte sich sehr gut in meinem Koffer.

Ich habe absichtlich auf ein großes, mannshohes Stativ für diese Reise verzichtet, denn sowas zieht immer zu viel Aufmerksamkeit auf sich, ist nicht beweglich und passt in keine Hosentasche. 

Anders das Kraken-Stativ: klein, leicht, handlich, und man kann es überall hinstellen und hinkrallen, die Kamera ist immer gut daran befestigt.

Mein Stativ krallte am Auto-Rückspiegel, an der Kopflehne des Beifahrersitzes, an Laternen, schlanken Bäumen und Zäunen. Es stand auf Motorhauben, Kühlschränken, Oberarmen, Waldböden und Badezimmerfliesen.

3 Tage vor Ende der Reise brach die Kamera-Halterung ab, weil ich bei der Flucht vom Apple Inc. – Gelände etwas ruppig mit dem Kraken-Stativ umging… naja. Selber Schuld.

Merk-Regel: Ein Stativ kann ebenfalls das Niveau jedes Videos anheben. Kann, muss aber nicht.

 

Jetzt kommt DAS DING:

teleskop

Das Ding heißt Teleskop-Stativ (oder: Monopod) oder auch Angel, weil sie sich wie eine Fischangel nach vorne verjüngt, und außerdem kann man das Stativ ausfahren und einfahren. Es passt überall mit rein, auch in meine Handtasche.

Dieses Teleskop-Stativ ist eigentlich DAS Goldrausch-Element schlechthin. Sie dient nur einem Zwecke: meinen Arm zu verlängern, damit ich mich selber filmen kann ohne vollkommen bescheuert dabei auszusehen.

Wenn man sich selber also beim Spazieren filmen will, holt man die Angel aus der Tasche, vorne schraubt man dann die Kamera an, zack zack, und dann fährt man die Angel so weit aus, dass man einen schönen Bildausschnitt hat.

Ich demonstriere das mal hier in diesem verpixelten, schnell geschossenen Video:

Dir ist natürlich aufgefallen, wie vergleichsweise „mies“ der Ton ist. Denn ich habe ihn mit der dritten Kamera aufgenommen, und nicht wie sonst immer mit einem Ansteckmikro. 

  • Außerdem gehörte zu meiner Grundausstattung: 
  • ein kleines Kamera-Akku (für 30 Minuten oder so)
  • ein großes Kamera-Akku (60 Minuten, aber mit Wackelkontakt, so dass man nie wusste ob es voll war, oder ob es beim Drehen „abraucht“ und das gerade Gedrehte komplett löscht)
  • ein Akku-Ladegerät
  • dazu ein Kabel zum Übertragen des Material auf mein MacBook
  • und mein Macbook inkl. Stromkabel
  • ach ja: einen USA/Deutschland-Stromwandler hatte ich auch. Einen!

 

Das Mac-Book hatte ich dabei, um ins Internet zu gehen – und um meine Werke täglich zu sichern und zu sichten. Und leider auch, um heimlich Serien weiter zu gucken, von denen ich die Finger nicht lassen konnte.

Die Wahrheit ist nun: Mit meiner Grundausstattung konnte ich bequem zu Hause in meinem Büro Videos drehen. Ich hatte zu Hause immer genug Strom, Speicher, Licht, Ton und so weiter.

Für einen Dreh „on the road“ war diese Ausstattung allerdings ein schlechter Witz.

Wer konnte das ahnen?

Ich nicht!

Ich musste erst meine magische Skype-Adresse benutzen, um dem schlechten Witz ein Ende zu bereiten. 

(Darüber, was sich hinter diese Adresse verbirgt, und was ich an meinem Equipment ändern musste, berichte ich ausführlich im nächsten Kapitel)

An dieser Stelle möchte ich noch mal auf meinen schwenkbaren Kamera-Monitor (Display) zu sprechen kommen. 

Ohne diesen kleinen Kamera-Monitor, den ich umklappen kann, damit ich mich beim Filmen live sehen und korrigieren kann, wäre mein Filmstil nicht möglich gewesen… 

Dann hätte ich ja quasi blind filmen müssen, und jedes mal jede Aufnahme von vorne bis hinten neu angucken müssen, und das hätte alles 5 mal so lange gedauert.

Vor allem: Ich konnte den Kamera-Monitor nutzen wie einen Spiegel, so dass ich immer sah, was hinter mir stattfand. Ich konnte mich quasi jederzeit supertoll selbst in die Landschaft „hineingruppieren.“

Und ich vermochte die Landschaft mit dem zu verknüpfen, was ich da gerade erzählte… so dass der Hintergrund Sinn ergab.

Das war eine echte Entdeckung!

Es war die Entdeckung der Reise.  

Nur diese Entdeckung hat die Goldrausch-Videoserie letztlich möglich gemacht. Doch bis zu dieser Entdeckung war es noch ein bisschen hin – Tausend Kilometer und noch einige Tage an Zeit mussten überwunden werden…

 

Step 7 – Der Held dringt vor zum innersten Kern…

Er  nähert sich der fürchterlichen Höhle. 

Dort befindet sich der Schatz – das Ziel des Helden. 

Aber auch der größte Feind des Helden wartet hier. 

Die tiefste Höhle ist der gefährlichste Ort der Reise…

Am Sonntag verließ ich Sebastopol. 

Am Samstagabend zuvor wurde die Wildwest-Party in einer Scheune gefeiert, und wir waren alle Western-mäßig verkleidet.

Ich auch ein bisschen:

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Howdy. Ich lege alle Falschspieler um.

 

Ben ließ es sich nicht nehmen Bilderrahmen, Maskenbildner-Zeugs und eine Menge Wegwerfkameras zu besorgen, damit seine Gäste sich schön in Szene setzen und knipsen konnten – zum lustigen Andenken.

 

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Zu so einem Wild-West-Foto-Schießen gehören natürlich Hühner, Bärte, Trapper-Kappen, Felle, Pistolen, die Amerikanische Verfassung (sie wird von der Frau mit dem Briten-Hut gehalten) und ein deutscher Salvador Dali.

 

Es lebe der Bilderrahmen! 

Es gab Paella zu Essen. Der Typ, der die Paella lieferte, war sich sicher, dass Paella eine kalifornische Erfindung aus den Zeiten war, als es noch Mexikos hieß. Ich als neunmalkluger Europäer wusste aber, dass Paella aus Valencia stammt. Spanien. Wer hat nun recht?

 

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Es spielte eine kleine Lokal-Band im Hillbilly-Bebop-Boogie Stil, sie nannte sich Jimbo Trout & The Fishmen (ungefähr: Jim Forelle & Die Fischmenschen). Ungefähr so eine Band hatte ich auf meiner eigenen Hochzeit in Berlin auch aufspielen lassen. 

Eine Tanz-Instruktorin auf der Bühne brachte uns Gruppentänze bei, bei denen man paarweise durch die Gruppe taucht und mittendrin Tanzpartner wechselt.

Das war mal richtig cool… Hier bringt man den Leuten das ausgelassene Feiern bei, und nicht das Alkohol-Trinken. So muss das sein!

Allerdings habe ich 3 Stunden der Party versäumt, weil ich zwischendurch einsam und depressiv in meinem Zimmerlein saß, und „Breaking Bad“ schaute.

Ich hatte nichts zu feiern. All diese fröhlichen Amis da drüben in der Scheune hatten doch keine Ahnung von den wahren Schmerzen eines Europäers, der hier vollkommen verloren am Ende der Welt mit sich selber haderte…

Schon 4 Tage hier in Kalifornien und kein einziges vorzuweisendes Filmchen – außer ein paar Kolibris die man ohnehin nicht filmen kann, weil sie so schnell sind! 

Lasst mich bloß in Ruhe…  

Ich glaube ich rief sogar meine Frau an. 

 Sie erinnert sich gut daran:

 

 

Nun gut, während dieser kleinen Depression entschied ich: Flucht nach vorne.

Ich würde nicht länger hier in der bequemen Komfort-Zone verweilen, sondern ich würde einfach losfahren. Und nicht mehr herkommen.

Das Ziel hieß: Yosemite Nationalpark.

Es heißt, es ist der schönste Nationalpark in Kalifornien. 

Es gibt Bären, Mammutbäume und Berg und Tal.

Bens Mutter machte mir ein Lunchpaket fertig. Sie gab mir zu verstehen, dass ich für die Zeit meines Lebens ein gern gesehener Gast bei ihr sein würde, und alle winkten zum Abschied. 

Mit Ben hatte ich die Tage zuvor viel geredet. Über das Internet, über Kalifornien, über die Zukunft der Welt. 

Wir vertrugen uns sehr gut, und über die Flasche Absinth freute er sich sehr.

Ich würde Ben in 7 oder 10 Tagen wiedersehen können – falls ich zu jenem Zeitpunkt in Los Angeles sein würde, wo er nämlich mit Libby zusammen wohnt.

Ich hielt mir das offen, ahnte jedoch, dass ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lasse kostenlos in L.A. zu übernachten, zumal ich ja jeden Tag weiterhin Geld verlor…

Wobei wir nun bei den schlechten Dingen angekommen wären. 

Hier die brutale Wahrheit:

Mein Equipment war unter aller Sau. 

Um folgende entscheidende Details geht es: 

Ich hatte nur einen Stromwandler USA/Deutschland – ein Hammer-Fehler! 

Ich hatte nur einen verlässlichen Kamera-Akku – ein Ultra-Fehler!

Ich hatte nur einen Kamera-Stick zum Vollmachen – ein Boah-eyh-Fehler!

Ich hatte keine mobile Kamera-Ladestation – ein Mega-Fehler!

Diese Fehler-Sammlung führte zu folgendem Verhalten: 

 

IST-Verhalten

Tim fährt los, hat ein Akku voll, den Memory-Stick nur noch halb leer, und jedes mal wenn er auf die Idee kommt zu filmen, überlegt er zehnmal, bevor er es tut – denn der Akku könnte leer werden, und der Stick voll… 

Und dann?? 

Dann müsste Tim schnell irgendwo eine Steckdose auftreiben und den Akku laden. 

Und heilfroh sein, wenn sein Laptop noch genug Strom hat, damit er wenigstens das Filmmaterial von der Kamera (mit normalem Strombetrieb) auf die Festplatte schieben kann, damit der Stick wieder gelöscht werden kann…

Aber dann würde Tim bald Panik bekommen beim Gedanken, dass die Festplatte des Laptops voll wird – oder gar „crasht“, und alles verloren geht. 

Das klingt alles kompliziert, und ich schwöre: es war kompliziert.

Es war die Hölle.

 

SOLL-Verhalten

Tim fährt los, und macht sich keine Sorgen, weil er 3 volle Akkus hat, und auch 3 leere Memory-Sticks, und für den Fall dass ein Akku leer ginge, würde er diesen Akku einfach an seine mobile Ladestation im Auto am Zigarettenanzünder stecken und während des Weiterfahrens aufladen.

Und abends dann, in Ruhe im Hotel, kopiert er einfach alles Material von den Sticks auf den Laptop, und von da aus alles noch einmal auf eine externe Festplatte. 

Tim nennt das die „doppelt-und-dreifach-Datensicherung“ – das gesamte Material ist sowohl auf den Memory-Sticks, als auch auf dem Laptop, und auch auf der externen Backup-Festplatte gesichert. 

Mann, wäre das toll…!!

 

 Bitte kontrastiere dies erneut mit dem….

….erweiterten IST-Verhalten:

Tim erwacht um 6 Uhr früh in einer Holzhütte in einem Motel kurz vor der Einfahrt zum Yosemite Nationalpark, 400 km entfernt östlich von San Francisco.

Er packt schnell, zieht sich ein Sandwich rein, und beschließt: „Heute ist der Tag!“

Tim hat sein volles Akku, seinen halb vollen Stick, und keine Ahnung, was er sagen will, aber er fährt schon mal los.

Um 8 ist er mitten im Nationalpark, die Sonne steht schon hoch. An einem mäandernden Fluss mitten zwischen hohen Felsen parkt er, bewaffnet sich mit der Madera und der Stativ-Angel und geht 100 Meter vom Auto weg.

Dann bekommt er Bedenken, das Auto allein stehen zu lassen, es ist immerhin voll mit seinem Koffer, Computer, und so weiter.

Also lieber das Auge im Blick behalten. Plötzlich irgendwo laut lachende Touristen da hinten an der Brücke! Hier kann ich unmöglich filmen!! 

Also wieder zurück ins Auto. Weiterfahren.  

(„War eh zu kalt da…“)

Tim verheddert sich in Selbstgesprächen…

„Mir fällt auf, dass es schon 9 Uhr ist, und man könnte ja mal für Proviant sorgen, oder? Ist das Hunger da in meinem Bauch? Nö, aber es könnte bald Hunger werden, so in 2 Stunden oder so.

Besser ich gehe sofort einkaufen, dann wäre das schon mal geklärt.

Im Touristen Zentrum mitsamt Mini-Mart am Zeltplatz des Nationalparks verbringe ich 20 Minuten vor der Landkarte des Parks, rote Linien, gelbe Linien, View Points, toll,  und verschwende 30 Minuten zwischen den Regalen, um ein Mate-Getränk zu finden.

Denn Mate ist ein Zaubergetränk, und wenn ich das erst mal getrunken habe, dann geht es endlich los (also wirklich endlich in echt) …

Ich studiere Hundert Flaschen und ihre Etiketten, frage mich was die Inhaltsstoffe auf Englisch eigentlich bedeuten, und kaufe eine Flasche Bio-irgendwas, zusammen mit etwas Kleinem zum Essen, aber Mate habe ich nicht gefunden.

(„Kein gutes Zeichen…“) 

Wieder im Auto.

Ich schlinge den neuen Proviant sofort herunter, trinke das Bio-Ding aus, werde schlagartig müde und denke, ach, ich sollte erst mal ein Nickerchen machen, bevor…

Später dann irgendwo angehalten, wieder Kamera raus, wieder eine wichtige Frage: ziehe ich die Jacke an oder aus?  

Jacke anziehen, es zu warm finden, Jacke ausziehen, es zu kalt finden, Jacke anziehen, es wieder zu warm finden, Jacke ungeduldig ausziehen, dabei ärgerlich werden.

Hier soll ich meinen Akku verballern? Der Berg da am Horizont sieht noch viel geiler aus als der geile Berg, an dem ich gerade stehe. 

Am nächsten geilen Berg dann folgende Probleme: 

Ist hier nicht zuviel Verkehr für ein Video? Zuviel Auto-Lärm in der Luft? Sind hier nicht zu viele Menschen unterwegs? Scheint die Sonne nicht zu stark hier?

Oder auch: Ist es nicht zu ruhig hier? Ist es nicht zu einsam für ein Video? Wo sind denn bloß die Menschen? Ist nicht zu viele Schatten hier? „

etc.

 

Du hast das Schema erkannt. 

Es heißt Vermeidung. Und das Er-Finden von Gründen, warum man etwas jetzt nicht tun kann.

(Es nutzt nichts, zu wissen, dass man gerade vermeidet. Das Wissen davon ändert nämlich nichts am Vermeidungs-Verhalten. Man muss das Verhalten selber ändern!)

 

Erweitertes SOLL-Verhalten

Tim muss sich lediglich mit seinem Ansteckmikro verkabeln, die Kamera auf die Angel schrauben, die Kamera auf sich richten, und los erzählen.

 

So wie bei seinem ALLERERSTEN erfolgreich abgefilmten kleinen Clip: 

Daraus wurde natürlich nicht die erste Episode der Serie (das wurde nämlich der „Pilotfilm“). Dafür war dieser erste Clip nämlich viel zu losgelöst – aus dem Kontext gerissen – und zu vorsichtig. 

Ich habe für den Clip dreimal geübt. Ich wusste nicht was ich sagen wollte, solange bis ich mit meinen Ohren hörte, was ich sagte…

Und dann sagte ich das gleiche noch mal, lies etwas weg und fügte dafür etwas anderes dazu, und dann machte ich noch einen dritten Durchgang, mit noch einer anderen Vortrags-Variante.

Danach war ich erledigt. Mann war das anstrengend!

Immerhin: ich fing endlich an, mit der Kamera in Dialog zu treten. 

Erst viel später würde ich mit dem Publikum in Dialog treten – und zwar an einem Ort namens La Jolla, unweit von San Diego und Mexiko (doch davon mehr im nächsten Kapitel).

Übrigens, ein entscheidender Faktor, um mich dazu zu bringen, vor LAUFENDER KAMERA los zu reden, war SELBER LOSZULAUFEN.

Das LOSLAUFEN mit der auf mich gerichteten Kamera half quasi mich selber IN GANG ZU BRINGEN.

Beim Gehen kann man ja besser denken, heißt es.  

Indem ich die Kamera hier bei meinem ersten Clip ein paar Meter spazieren führte, erhielten sogar die Worte „Kamera läuft!“ einen ganz neuen Sinn.

Rekapitulieren wir:

Ich war also Hunderte von Kilometern gefahren um hier einen 60-Sekunden Clip zu drehen, auf den ich nicht mal besonders stolz war.  

Draußen im Yosemite National Park war es 38° Grad Celsius heiß und gleißend, und nachdem ich mit meinem ersten Clip fertig war, war sowohl mein kleines Akku fast leer als auch die Hitze unerträglich.

Also entschied ich, den Nationalpark wieder zu verlassen – vor der Hitze zu flüchten – und zwar zu einem Mammutbaum-Hain, der am anderen Ende des Parks lag („Mariposa Grove“).

Dort fuhr ich hin, ging spazieren, nahm vorsichtshalber Kamera, Mikro und Angel mit – und siehe da! – ich drehte relativ spontan, nachdem ich schon über eine Stunde hin und her gewandert war, meinen zweiten Clip (den über das Alter der Bäume und das Konzept „Stundenlohn“). 

Danach fiel mir auf, dass ich tatsächlich erstmals bei einem schönen Film-Motiv darüber nachgedacht habe, welcher Inhalt aus meiner Mindmap gut dazu passt. 

Als ich die sagenhaften Mammuthbäume das erste mal live sah, und ich mich von ihrem ersten Anblick erholte, war mir klar, dass man hier gut über das Thema Zeit sinnieren konnte.

Also tat ich das. 

Dennoch: ich war nicht zufrieden mit dem Video. Denn mittendrin kam eine Ladung mit Touristen vorbeigefahren und unterbrach meinen Monolog. Ich fühlte mich gestört, redete aber trotzdem weiter mit der Kamera – und kommentierte die Touristen.

Immerhin.

Danach saß ich halbwegs erledigt im Auto und studierte den Lonely Planet.

Wo schlafen? 

Ich entschied mich für das Städtchen Mariposa. 

Das war eine alte Goldgräberstadt mitsamt Goldgräbermuseum, nur 100 Kilometer entfernt, und so etwas würde doch super zu meinem Goldrausch passen, oder?

 

Mariposa 

Als ich verkatert am nächsten Morgen in Mariposa aufwachte, zog ich mich an, und ohne das geringste Frühstück im Bauch schnappte ich die Kamera und das über Nacht voll geladene Akku und fabrizierte dies hier:

 

 

An genau dieser Stelle habe ich das Video abgebrochen. Ich fühlte mich vollkommen deplatziert. 

Worauf wollte ich denn überhaupt hinaus?

Ich probierte es gleich noch mal. Man soll ja nicht immer gleich aufgeben.

Beachte mein Nach-den-Worten-Ringen, und den vorbeifahrenden lauten Verkehr und meinen Versuch, wenigstens dabei zu lächeln:

 

 

Nach diesen ganzen Versuchen gab ich auf.

Bloß weg hier!!

Was war passiert?

Nachdem ich gestern den Mammutbaum-Hain verlassen hatte, fuhr ich also ins Goldgräberstädtchen Mariposa. Ich bildete mir ein, es würde gut zum Thema „Goldrausch“ passen.

Allerdings war das Goldgräbermuseum geschlossen. Ein Reinfall also. 

Mariposa sah auf den ersten Blick trotzdem so nach Wildem Westen aus, dass ich mich dort im Motel einmietete. Es war das erste Motel meines Lebens. 

Es war genauso wie man es erwartet: alles mehr oder weniger aus Holz und Pappe, Ventilatoren, Fernseher, miefig. 

Da saß ich nun auf meinem Motel-Bett, draußen waren es um 18 Uhr 38° Celsius warm, und ich beschloss in ein Restaurant zu gehen und dort während des Essens mit dem Drehbuch anzufangen.

Im Restaurant wurde ich alle 2 Minuten von der Bedienung abgelenkt, die sich erkundigte, ob alles in Ordnung sei.

Das Essen war nicht so doll, obwohl es im Reiseführer gepriesen wurde. 

Zurück im Motel fiel mir auf, dass es keine Klima-Anlage gab, und dass die Nachbarn ihre Gitarre probten und der Ventilator nur Lärm verursachte aber keine Kühle. 

Ich würde wohl mit offener Tür schlafen müssen, mit Blick auf den kleinen Parkplatz und das große Nummernschild meines Autos…

Also tat ich in diesem Moment das, was als letztes aller Mittel in Frage kam: Ich zog los, um Bier zu kaufen und mich zu betrinken und die ganze Scheiße zu vergessen…

Während ich das Bier in meinen Mund und im Internet „Breaking Bad“ laufen ließ, ging mir allerhand Negatives durch den Kopf.

Ich hatte Kontakt mit meinem Schatten…  

Der Schatten ist oft der Gegenspieler des Helden.

Während der Held in dieser Phase der Heldenreise auf dem Weg zu „inneren Höhle“ ist, bekommt er es regelmäßig mit dem Schatten und seinen Abgesandten zu tun.

Der Schatten ist oft eine Person, und wenn er eine Person ist, dann personifiziert sie die unterdrückten Anteile des Helden – die heimlichen und verbotenen Wünsche, die „dunklen“ Seiten seines Charakters usw.

In meinem Fall war der Schatten keine Person, sondern der Schatten lag einfach so auf mir, und ich konnte ihn nicht abschütteln. Er lachte mich aus! Er machte sich lustig über mich. 

Meine Vision von meiner Reise war ja ursprünglich: Palme Sonne und ein strahlender Rock’n’Roll-Star Tim, und jetzt hockte ich hier unter dem großen Ventilator… 

… wie der schlimmste Loser mit Bier und Glotze, in einem gottverlassenen 100-Dollar-die-Nacht-Motel weitab vom Schuss – und bedauerte mich. Ich kam mir bettelarm vor.

Der Schatten prostete mir willig zu, und ergötzte sich an meiner „Dark Night of the Soul.“ 

Die „Dark Night of the Soul“ lässt sich schwer übersetzen. Es ist ein Zustand größter Niedergeschlagenheit der eigenen Seele. 

Meist gerät man tatsächlich nachts in diesen Zustand – und häufig vor entscheidenden Schlachten, von denen man zwar noch nichts weiß, die man aber bereits erahnt, und dessen Ausgang man negativ einschätzt…

Und dann, mitten in der Dark Night, als sich die Temperaturen senkten, und das Bier zur Neige ging, tat ich das, was ich immer tue, wenn ich nicht tiefer sinken kann, und wenn auch Bier nicht hilft: 

Ich kaufte Wein.

Stopp: Das war ein Witz!  

Ich kaufte keinen Wein, ich machte etwas viel Sinnvolleres:

Ich entschied mich zu flüchten.

Auf meiner Mindmap stand nämlich das Wort „La Jolla“. 

Dort in La Jolla, in diesem Ort unweit von San Diego, wohnten mehrere Online-Marketing-Gurus, es ist eine sehr wohlhabende Gegend. Die meisten der Videos, die ich über Online-Marketing gesehen habe, wurden in La Jolla gedreht.

Dort in La Jolla wohnten die Marketing-Könige. Die Löwen.

Und ich entschied, direkt in die Höhle des Löwen zu fahren.

Das war deshalb so revolutionär, weil ich zu jenem Zeitpunkt dermaßen NICHT nach La Jolla passte, dass es geradezu absurd war, auch nur daran zu denken.

Ich erinnere an meine zusammengebrochenen Besucherströme auf meinen Webseiten, an meinen zusammenbrechenden Cash Flow, an meinen zusammengebrochenen Aktienkurs, an meinen zerbrochenen Kalifornien-Traum etc.

Und doch wollte ich auf die „Insel der Seligen“ (und Reichen und Schönen) übersetzen?

 Genau das! 

Aus purer Verzweiflung. Wobei – es könnte auch reiner Instinkt gewesen sein.

„Im tiefsten Kern eines jeden Künstlers findet sich ein heiliger Ort, an dem keine Regeln mehr gelten und an dem allein die instinktiven Entscheidungen zählen, die ein Künstler mit seinem Herzen und seiner Seele trifft“, schreibt Christopher passend Vogler im Vorwort seines Film-Heldenreise-Buches.

Es war vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet der Mensch, den ich vor meiner Reise zu meinem Mentor gemacht hatte (wir erinnern uns: Fez) viele Jahre in San Diego gelebt hat. 

Und dass ich ausgerechnet ihn anmailte und bat, mir doch ein paar Tipps für San Diego zu geben, vielleicht sogar ein oder zwei Kontakte, damit ich mal wieder mit Menschen zusammen sein könnte…

Dann versuchte ich zu schlafen. Dabei immer die Tür im Blick, damit niemand reinschlich und meinen Apple-Laptop und die Kamera klaut… 

Die Zikaden und Grillen waren laut, aber friedlich. Niemand raubte mich in dieser Nacht aus.

Und am nächsten Morgen schnappte ich mir die Kamera, und filmte sofort los, aber das hatten wir ja schon.

Bald saß ich also auf der Stufe zu meinem Zimmer auf dem Parkplatz, und plante mein „Bloß weg hier“.

Fez hatte mir über Nacht drei seiner Facebook-Freunde (Cameron, Joel und Christopher) aus San Diego zur Verfügung gestellt, und ich mailte diese 3 sofort per Facebook an, dass ich unterwegs zu Ihnen war, und ob sie Tipps hätten für Unterkunft etc.

 

sandiegofez

 

Außerdem erinnerte ich mich an einen Tipp von Ben. Er hatte mir Priceline.com aufgeschrieben – eine „Hotelauktions“-Webseite. 

Ich hielt diese Seite anfangs für einen Witz, aber als mich Käpt’n Kirk vom Raumschiff Enterprise von der Seite angrinste, guckte ich sie mir genauer an.

 Auf dieser Seite kann man festlegen, in welcher Stadt (und sogar in welchem Stadtteil!) man für wie lange in einem Hotel mit mindestens so und soviel Sternen für so und soviel maximal Geld wohnen will.

Der Deal ist der: Du bezahlst vorher per Kreditkarte, und Priceline bietet dein Geld an alle in Frage kommenden Hotels an, und wenn ein Hotel zugreift, dann MUSS ich dort übernachten.

 Es ist also auch ein Spiel: man weiß nicht wo man landet.

Ich trug also spaßeshalber-ernsthaft ein: 3 Übernachtungen in San Diego (Stadtteil: La Jolla), mindestens 4 Sterne-Hotel, maximal 100 Dollar pro Nacht. 

(Eigentlich eine Frechheit, nur 100 $ zu bieten für 4 Sterne in La Jolla, aber man darf es versuchen.)

Ich tippte meine Kreditkarten-Daten ein und Käpt’n Kirk suchte und suchte und suchte, und nach 30 Sekunden kam die Meldung:

„Congratulations, Mr. Daugs. You will be staying at…

The HILTON HOTEL – LA JOLLA – TORREY PINES“

Ich habe mich fast an meinem Espresso verschluckt.

 

Google Maps aufrufen: Wo ist Torrey Pines? Ist das in diesem La Jolla? Ist das Hilton wirklich ein Hilton-Hotel? Ist das ein Golfplatz dort auf der Karte, direkt neben dem Hotel?

Ja und ja und ja!

War das GEIL !!!

Der Held war wieder motiviert…

La Jolla!

Er hatte schon mehrere Prüfungen absolviert (und versemmelt) – so wie sich das gehört in dieser Phase der Heldenreise – doch jetzt würde er wenigstens in einem fantastischen Bett schlafen, während sein Scheitern weitergeht. 

Und es würden nicht 38°C glühend heiß sein, sondern 26°C mit Blick aufs Meer.

Ich habe rasch gepackt, und den Tank aber sowas von voll gemacht. Es lagen 600 Kilometer vor mir, die wollte ich auf einen Schlag hinter mich bringen, mit amerikanischen 90 km/h auf der Autobahn würde mich das den ganzen Tag kosten.

Also keine Videos mehr drehen, stattdessen „on the road again“ und Urlaub machen!

Offensichtliches Ziel: Südkalifornien mit all seinen Annehmlichkeiten.

Eigentliches Ziel: Die Höhle des Löwen

Das noch eigentlichere Ziel: Das Zusammentreffen mit dem Schatten, und der gefährliche Kampf mit ihm…

Es geht um Leben oder Tod… 

Dies ist nämlich immer noch eine Heldenreise, und KEIN Urlaub…

Obwohl ich gerade beschlossen hatte, dass ich ab jetzt Urlaub machen würde. 

Urlaub, so ein Bullshit.

Kein Held entkommt seinem Schicksal.

Da kann er sein Schicksal noch so sehr ignorieren, leugnen oder wegdefinieren…

Das Schicksal ist unbarmherzig. Es findet immer einen Weg…

Es wartet auf einen auf einem McDonald’s-Parkplatz 100 Kilometer südlich von Bakersfield mitten im California Valley, wo ich nach 300 Kilometern eine Pause machte, und wo es gratis WLAN gibt, und wo es in Gestalt meines besten Freundes aus meinem Computer-Monitor schaut, und mir per Skype die Frage stellt:

 

„Timmy, du Pappnase, wie geht’s?“

– „Ehrlich, mir geht es gar nicht gut.“

„Wo bist du?

– „Irgendwo im Valley.“

„Was machst du da????

– „Es läuft nicht gut… Ich fahr gerade nach San Diego…“

„Sollen wir mal in Ruhe skypen, wenn du angekommen bist?“

 

Ja, Rob, das sollten wir tun. 

Das hätten wir vielleicht wirklich schon mal längst mal tun sollen…

Ich fahre weiter, immer weiter.

An der Stadtgrenze zu Los Angeles surren 4 Helikopter über dem 16-spurigen Highway, um den Verkehr zu kontrollieren. 

Als ich unter ihnen hindurch husche, und die nächsten 100 Kilometer nur Los Angeles sehe, links und rechts, da spüre ich dass ich noch eine Chance habe. 

Weiter zu SCHRITT 8: Die schlimmste und höchste aller Prüfungen