Der 9. Schritt


Zeit für etwas... Belohnung


Baby, lass mich mal die Karte rausholen.

Auf dieser ersten Karte ist meine kraftlose, ziellose, verängstigte Odyssee zu sehen. Sie erstreckt sich über 1.000 km von Nord bis Süd, von Sebastopol bis San Diego:

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Die fetten Kreuze markieren die Orte und die Anzahl der Nächte die ich irgendwo verbrachte: 4 mal bei Bens Eltern in Sebastopol nördlich von San Francisco, einmal in einem Kaff namens Groveland nahe des Yosemite National-Parks ( letzte Tanke und letztes Motel vor dem Park), und einmal in Mariposa.

Ich würde auch die erste Nacht in La Jolla/San Diego hinzuzählen – auch da war ich noch „lost“ – verloren.

Gucken wir uns jetzt die zweite Route an:

Teil2b

 Auf dieser zweiten Karte sind die Stationen ab der Höchsten Prüfung des Helden zu finden. Sie sind schön aufgereiht wie an einer Perlenkette.

Wir haben: 3 weitere Nächte in La Jolla/San Diego, 2 Nächte in Los Angeles (diesmal in Bens eigener Wohnung), eine Nacht in Santa Barbara.

Dann die Fahrt entlang am Pazifik, eine Nacht in Santa Cruz, dann rüber ins Silicon Valley rund um San José, und dann gleich ab nach San Francisco, wo ich 3 Nächte verbrachte, die letzte davon im Auto auf der Rückbank, weil ich um 2 Uhr ohnehin zum Airport musste.

So sah ich übrigens dann am Airport aus, früh um 5, bereit zum Abflug:

 

flyback

Was ich da anhöre? Wahrscheinlich wieder einen „I Love Marketing“-Podcast.

 

Meine letzte Nacht

An meinem letzten Abend in San Francisco, am Vorabend des Rückflugs, tat ich etwas was ich bisher dort nicht getan hatte: Ich leistete mir etwas. Erstens Sushi im Restaurant, und danach Kino.

Im Kino hatte ich eine merkwürdige Erfahrung.

Ich guckte mir den neuen „Planet der Affen“ an.

Der Film spielte in: San Francisco.

Da ich die Stadt inzwischen kannte, kam es mir vor als würde der Film hier vor Ort in „meiner Stadt“ spielen. Es kamen „ganz normale“ Orte wie die Golden Gate Bridge vor, und einige Blicke über diese irre Stadt, die ich selber gesehen hatte.

Es war alles ganz normal, ganz natürlich, ganz organisch, völlig unspektakulär.

Hätte ich den Film in Berlin gesehen, ohne Kalifornien zu kennen, hätte ich sicherlich gedacht: „Die Amis müssen wieder übertreiben…“

Jetzt, in „San Fran“ im Kino sitzend, wurde mir klar, dass das typische US-Kino einfach nur typisch USA ist. Für Amerikaner ist es total normal, organisch, völlig unspektakulär.

Sie benutzen für Ihre Kulissen einfach was sowieso massig vorhanden ist: geile Küste, geiler Sandstrand, geile Wolkenkratzer, geile große Autos, geile bunte Burger-Restaurants…

 

Du siehst klar den Wendepunkt (und den Höhepunkt) meiner Reise: La Jolla. Dort fand die höchste Prüfung statt – mein „Absprung“.

Dort war der Bann endlich gebrochen, und in den nächsten 7 Tagen drehte ich im Prinzip den gesamten Goldrausch ab.

Plötzlich war die Schwäche eine Stärke! Die Schwäche war, kein Drehbuch zu haben, keinen Plan.

Die Stärke, die ich daraus zog, war natürlich Flexibilität, aber auch Neugier auf den heutigen Tag, und was er wohl bringen möge! 

Mir war es gelungen, einen Weg zu finden, spontan auf die sich bietenden Kulissen zu reagieren. Immer wenn ich dachte „Wow, das ist aber eine coole Coolisse!“ hielt ich an, packte mein Teleskop, meine Kamera und mein Mikro. 

Dann würde ich aussteigen, kurz darüber nachdenken, für welche kleine Erzähl-Story diese Kulisse einen guten optischen Hintergrund abgeben würde, und dann drückte ich schon auf RECORD, und lief los.

Manchmal lief ich auch einfach nur so los, und erzählte, und wie durch ein Wunder erschien dann die Kulisse für das, was ich erzählte – wie von selbst, und wie auf Kommando.

So konnte ich quasi vor laufender Kamera viele Metaphern und Gleichnisse entwickeln, finden. Es klappte so gut wie immer. 

Ich schuf quasi ein neues Film-Genre damit: „Roadmovie-Edutainment.“ 

Auf deutsch: „Unterhaltsames Bildungsfernsehen, eingebaut in einen Reisefilm.“

Aus der Angst, während des Filmens angesprochen zu werden, wurde die Lust, jederzeit Echtzeit-Vorkommnisse in den Film mit einzubauen, also die Kamera weiterlaufen zu lassen, und die Vorkommnisse sogar zu kommentieren. 

„Laut zu denken“ war eine weitere Methode, niemals den Flow zu verlieren.

Irgendwann fing ich sogar an, kreativ zu filmen 🙂 und meinen Roadmovie-Edutainment-Videostil zu festigen und zu variieren.

So soll es in diesem Kapitel auch über diese Videos gehen. Und über das, was man normalerweise in einem Film-„Making of“ (oder auf einer „Bonus DVD“) sieht: gelöschte Szenen, Pannen und Versprecher, aber auch bisher unveröffentlichtes gutes Material.

Dass es jetzt plötzlich so schnell ging, und mir vergleichsweise leicht fiel, hat wohl mit dem 9. Schritt der Heldenreise zu tun, denn er heißt:

 

Etappe  9 – Die Belohnung

Der Held darf jetzt triumphieren. Er hat seinen Widersacher besiegt, oder sich mit ihm ausgesöhnt.

Der  Schatz ist erobert. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer… die Belohnung muss verteidigt werden.

 

Die Etappe mit dem Titel „Belohnung“ findet sich so gut wie in jedem Film wieder.

Endlich hat der Held mal gewonnen! Wenn es auch nur eine kleine unbedeutende Schlacht war, für den Helden war es eine fürchterlich anstrengende und lebenswichtige Schlacht.

Man stelle sich nur vor, ich wäre meinem Schatten gefolgt und hätte geglaubt, was er mir einflüsterte:

„Ach Timchen, mal Hand aufs Herz: Wer will denn schon deine Videos sehen? Wer bist du überhaupt? Bloß weil du drei Webseiten hast, rennst du hier in Kalifornien herum und tust so, als wärst du erfolgreich? 

Die Wahrheit ist doch, mein Liebster Tim, dass du seit Wochen keine Besucher mehr auf deinen Seiten hast, und auch nie wieder haben wirst, denn Google wird dich für immer verbannen.

Hör auf dich anzustrengen und dich zu quälen. Nimm ein Bier, setzt dich an den Strand. Es ist Sommer! Entspanne dich. Niemand muss je von dir erfahren…“ 

Nicht auszudenken ich hätte das getan!

Stattdessen marterte und pfählte ich mich tagelang selbst, riskierte mein Leben, welches an nur 4 Fäden vom Himmel über einer Herde von Delphinen baumelte.

Das war übrigens eine wichtige Erfahrung, dieser Flug. Transformierend geradezu! Danach war ich nicht mehr derselbe. Mal wieder ein kleiner Quantensprung!

Und wie ich im Video selbst sagte: Wenn man erst mal ins Ungewisse springt, dann eröffnen sich wunderschöne Perspektiven, die einem vorher verschlossen waren. Und zwar nur und erst dann!

Ach ja, ich schwöre:

Ich war nie zum Vergnügen am Strand! Zwar war überall Strand dort, aber ich war immer am Arbeiten, wenn ich am Meer war.

Sogar als ich „nur“ Auto fuhr war ich am Arbeiten.

Höre selbst:

(In diesem Video geht es darum, dass ich in Sachen „Zeit“ ein absolut elitärer Snob-Arsch bin, und wie ich an Tim Ferris‘ E-Mail-Adresse kam…)

 

Warum heißt nun diese Etappe der Heldenreise Belohnung? 

Antwort: Weil, wie oben angedeutet, in jedem Film und auf jeder Heldenreise nach dieser wichtigen Schlacht gegen den Schatten (die meistens nach zwei Dritteln des Films stattfindet) eine Phase kommt, wo alle einmal verschnaufen müssen.

Der Held, der Schatten UND das Publikum.

Genauso wie es den Vorabend der Schlacht gibt, gibt es den Abend danach. Lagerfeuer werden angezündet, Wunden geleckt, die eroberten Schätze werden begutachtet.

In „Star Wars“ hat Luke Skywalker jetzt Prinzessin Leia befreit und fliegt mit Han Solo erleichtert und auch etwas stolz durch die Galaxie. Natürlich wird er verfolgt… Noch weiß er nicht, dass er noch einmal zum Todesstern zurück muss…

Christopher Vogler nannte die Belohnung auch „Das Ergreifen Schwertes.“

Dies ist erneut nur eine Metapher, und keine echte Handlung.

Das Schwert ist die Belohnung, und diese ist mächtig. Allzu oft wird die Belohnung mit dem Schwert erkämpft, von daher wird schon viel früher zum Schwert gegriffen, und nicht erst dann, wenn es um die „Ergreifung des Schwertes“ geht.

Wenn wir uns fragen, warum ein Schwert die Belohnung sein soll, dann kommt man unweigerlich zur König Artus-Sage. Er war derjenige, der das Schwert Excalibur aus dem Stein zog – das Schwert war die Belohnung! Erkämpft hat sich Arthurs das magische Schwert jedoch mit Ehre und Glaube – nicht jedoch mit dem Schwert.

Anders bei Siegfried: der tötete den Drachen mit dem Schwert. Was jedoch kriegt er zur Belohnung? 

Drachenblut! 

Unsterblichkeit!! 

(Eine anständig Belohnung, wie ich finde…)

Siegfrieds Schwert ist die Unsterblichkeit. Das Schwert der Liebenden auf der Titanic ist die ewige, unsterbliche Liebe. Das Schwert des Gladiators ist NICHT das Schwert, sondern der Ruhm, der ihm von den Rängen des Kolosseums entgegen rollt…

Jemand der das Schwert ergreift, der ist ENDLICH MAL in seinem Element. Er ist vollkommen im Flow, und weiß genau, was zu tun ist.

So wie Tom Cruise zum Beispiel in „Rainman.“

Nachdem er tagelang mit seinem autistischen Bruder nach Los Angeles rollt, unterwegs bankrott geht und sogar seine Kreditkarte wegschmeißen muss, ergreift er das Schwert.

Und zwar indem er seinen Bruder zu einer Casino-Black-Jack-Wunderwaffe umfunktioniert. Belohnung: 80.000 Dollar.

Und viel Spaß. Aber er zieht auch die Bluthunde des Casinos auf sich, die ihn und seinen Bruder aus Las Vegas vertreiben…

Keine Schwertergreifung ohne vorheriges Opfer! In Rainman muss der gute Tom Cruise erst seine goldene Rolex in die Pfandleihe geben, um Bargeld aufzutreiben, das er dann von seinem Bruder beim Black-Jack investieren lässt.

 

Hier folgt jetzt meine Schwertergreifung – „Tim in seinem Element!“.

Mein Opfer war: Mein über-ängstliches Ego. Ich habe es auf dem Altar der Venus geopfert…

Viel Vergnügen bei diesem bisher unveröffentlichten und neu arrangiertem Material…

Das Gefährliche ist, wenn man die Kamera das letzte mal ausmacht, dass man denkt: das Abenteuer scheint überstanden! Es mag jetzt für den Helden so aussehen, als wäre er jetzt Herr aller Dinge, und als könne ihm niemand etwas anhaben.

Weit gefehlt, Freund.

Dieser „Irrtum“ wird gerne mit guter Laune gefeiert, oder mit Feuer. Nach gewonnener Schlacht sitzen die Kämpfer um das Lagerfeuer und fangen das Witzeln an, um die Spannung der letzten Stunden und Tage entweichen zu lassen…

Campbell nennt es auch „die ultimative Wohltat“.

Sie fühlt sich natürlich umso schöner an, je größer die Wunden sind…

Der Held hat also im 9. Schritt eine neue Macht für sich gewonnen. Die Frage ist: wird er sie behalten können? Wird er sie nutzen? Werden die, denen er die Macht genommen hat, tatenlos zuschauen?

Die Antwort lautet: Natürlich ist genau das die Frage, die das Drama weiter kochen lässt…

Luke Skywalker hat Prinzessin Leia befreit und glaubt sich in Sicherheit. Wird der schwarze Lord wirklich nichts unternehmen?

Ich für meinen Teil hatte mein Schwert ebenfalls ergriffen. Mein Schwert war der Mut, vor der Kamera (also DIR) meine Verletzlichkeit zu zeigen. Das „menschlich sein“ verlieh meinen Videos eine ungeheure Macht… 

Und statt guter Laune und Lagerfeuer gibt es bei mir stille Euphorie und der nächtliche Feuerteppich von Los Angeles lodert mir zu Füßen, und statt Freude entweicht eine Träne des Heimwehs.

Hauptsache die Spannung geht raus…

Für den Moment…

Tim

 

PS: Meine ultimative Wohltat. 

Obwohl ich in der Episode „Meer aus Licht“ meine „Niederlage in Sachen Filmbusiness“ zelebrierte, fühlte ich damals wahnsinnige Genugtuung. 

Als gescheiterter Filmschüler trotzdem nach Hollywood zu kommen, mit eigenem Geld und auf eigene Faust, und nicht mit bescheuertem Film-Fördergeld, und hier meine eigene Erfolgsdoku zu drehen, DAS tat gut. 

Und vor allem nachts hier oben am Observatorium zu stehen und zu begreifen, dass man vor 20 Jahren noch eingesperrt hinter der Mauer saß und Amerika hassen sollte, stand in so irrem Kontrast zu diesem erhebend-schönem Lichtermeer, dass es mir die Tränen in die Augen schoss und den Hals zuschnürte. Meine Ergriffenheit war echt.

Genauso wie diese Aufnahmen vom berühmten Rodeo Drive echt sind. Ich habe sie selbst gefilmt.

Ich wünsche angenehme, hypnotische 3 Minuten:

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